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"Zukunft braucht Herkunft" - Exklusiv-Vorabdruck des Platzeck-Buchs in der SUPERillu

Buch PlatzeckExklusiv veröffentlicht die Zeitschrift SUPERillu in ihrer aktuellen Ausgabe erste Auszüge des neuen Buchs von Matthias Platzeck. Zwei Jahrzehnte nach der friedlichen Revolution in der DDR bilanziert er die Aufbauleistung Ostdeutschlands. Der Buchtitel "Zukunft braucht Herkunft" knüpft an einen immer wieder von Platzeck gebrauchten Ausspruch an. Im Zentrum seines Buches stehen die Erfahrungen und Wandlungen Ostdeutschland in den letzen 20 Jahren. Angesichts der enormen Leistungen fordert Platzeck die Ostdeutschen zu mehr Selbstbewusstsein auf:

Vorabdruck:

"Am 11. September 1989 bestieg ich inBudapest eine Interflug-Maschine nach Berlin-Schönefeld. Der Flug warausgebucht, trotzdem blieben viele Sitzplätze leer. An diesem Tagwollte kaum jemand aus Ungarn zurück in die DDR. Einige Touristen, einpaar westdeutsche Journalisten. Dazu meine Freundin und ich.

AmAbend zuvor hatte der ungarische Außenminister Gyula Horn angekündigt,ab Mitternacht seien alle Bürger der DDR offiziell berechtigt, Ungarnin Richtung Westen zu verlassen. Zigtausende Ostdeutsche im Land hattenseit Wochen auf diese Nachricht gehofft. Unser ungarischer Freund, denwir besucht hatten, bot an, uns noch in derselben Nacht mit dem Autonach Österreich zu bringen. Er erklärte uns für verrückt, weil wir dieRückkehr in die DDR auch nur in Erwägung zogen. Wir diskutierten bis inden frühen Morgen, aber unser Entschluss stand eigentlich vonvornherein fest: Nein, wir würden nicht über die plötzlichsperrangelweit geöffnete österreichische Grenze in den Westen gehen.Wir würden in die DDR zurückkehren, mochte alles, was dort kommenwürde, auch noch so unübersichtlich, unberechenbar und womöglich sogargefährlich sein. Auschlaggebend waren die Kinder, unsere Familien undFreunde. Meine Töchter lebten zwar bei meiner geschiedenen Frau, aberich wollte sie auf keinen Fall missen. Außerdem hatten wir uns schonwährend der Gründung unserer Bürgerinitiative gefragt, was wireinstmals auf die Fragen unserer Kinder antworten würden. Wir wolltenihnen dann sagen können: »Wir haben zumindest versucht, dieses Systemein bisschen freier, ein bisschen offener und demokratischer zumachen.« Westdeutschland spielte bei diesen Überlegungen keine Rolle.

Hätteich damals meiner Heimat den Rücken gekehrt, wäre mein weiteres Lebenvöllig anders verlaufen. So aber geriet ich, kaum nach Potsdamzurückgekehrt, mitten hinein in die sich überstürzenden Ereignissejener vorrevolutionären Wochen. Mitten im Geschehen wurde ich jetzt zumAkteur und Zeitzeugen zugleich. Die häufig - allzu schlicht - als»Wende« und »Aufbau Ost« bezeichneten historischen Prozesse dervergangenen zwei Jahrzehnte habe ich in verschiedensten Konstellationenaus nächster Nähe beobachten können. Dabei habe ich etlicheEntwicklungen mitgestalten und beeinflussen dürfen, zu manchemFortschritt beigetragen - und auch den einen oder anderen Rückschlageingesteckt.

Als Bundeskanzler Helmut Kohl am 1. Juli 1990 dieWährungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen beiden deutschenStaaten verkündete, gab er allzu leichtfertig die Parole aus, schonbald könne Ostdeutschland in ein neues Zeitalter »blühenderLandschaften« übergehen. Den Bürgern der bestehenden, »alten«Bundesrepublik versprach er: »Keiner wird wegen der VereinigungDeutschlands auf etwas verzichten müssen.« Den erwartungsvoll auf dieZukunft hoffenden Ostdeutschen wiederum sagte Kohl zu: »Es wirdniemandem schlechter gehen als zuvor - dafür vielen besser.« SolcheSätze sollten Mut machen und Zuversicht erzeugen. Dagegen wäre nichtseinzuwenden gewesen, hätte die Regierung Kohl zugleich Rezepte für denwirklich nachhaltigen Aufbau Ostdeutschlands und die gründlicheErneuerung des bedenklich in die Jahre gekommenen Erfolgsmodells Westbesessen. Doch solche Konzepte blieben aus. Umso tiefer fiel für vieleehemalige DDR-Bürger in den folgenden Jahren der Absturz aus - sowohlemotional als auch materiell. Und umso verständnisloser betrachtetenumgekehrt manche Westdeutsche bald schon die neu Hinzugekommenen ausdem Osten. Auf die kurze Euphorie der Vereinigungsphase folgten schwereJahre des gesellschaftlichen Umbruchs und der mühsamen Neuorientierung.Die Verwerfungen im Übergang von der staatssozialistischenVerwaltungswirtschaft der DDR zur Marktwirtschaft zerrten nicht nur anden Nerven der Menschen, sondern auch am sozialen und kulturellenGewebe der Gesellschaft im Osten. Ein nahezu flächendeckenderZusammenbruch der Industrie, massenhafte Arbeitslosigkeit undbeständige Abwanderung erschütterten in den neunziger Jahren dieostdeutschen Bundesländer. Die Perspektivlosigkeit ganzer Regionen undsozialer Gruppen hinterließ bei vielen Menschen bleibende seelischeVerletzungen. Verunsicherung und Niedergeschlagenheit machte sicheinige Jahre lang in Ostdeutschland breit. »Dafür sind wir 1989 nichtauf die Straße gegangen«, sagten die Leute. Und sie hatten recht.

Diesebesondere ostdeutsche Stimmungslage in ihren verschiedenenSchattierungen haben manche - keineswegs nur westdeutsche - Beobachterin den vergangenen Jahren als die rückwärts gewandte, etwasselbstmitleidige »Ostalgie« eines vermeintlich chronisch beleidigtenMenschenschlages missverstanden - kurz: als Sehnsucht nach einerheimeligeren, aber untergegangenen »guten alten Zeit« vor 1989. Sicher,auch diese Stimmung ist in Ostdeutschland hier und da anzutreffen. Beimeinen täglichen Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern in Brandenburghöre ich immer wieder den auf die DDR bezogenen Satz: »Es war nichtalles schlecht.« Worauf ich zunächst gerne scherzhaft antworte: »Aberes war auch nicht alles gut.« Kommt es dann zum Gespräch, stellt sichmeist sehr schnell heraus, was die Menschen wirklich meinen, die heutebei dem Glaubenssatz »Es war nicht alles schlecht« Zuflucht suchen.

Selbstverständlichbedeutete die DDR für Millionen von Menschen in Ostdeutschland - auchfür mich - über Jahrzehnte hinweg vor allem ganz normales Leben: Schuleund Ausbildung, Beruf und Karriere, Familie und Freundschaften, Höhenund Tiefen, Liebe und Leid, Hoffnungen und Enttäuschungen, Kinder undEnkel. Insofern lebten Menschen in der DDR, sehr vereinfacht gesagt, sowie anderswo auch. Die in der westlichen Bundesrepublik verbreiteteAnnahme, Bürgerinnen und Bürger der DDR seien zeit ihres Lebens immernur Opfer des Systems gewesen, lehnen die so Beschriebenen fastdurchweg ab - zu Recht, wie ich meine. Auch ich sehe mich nicht gerneso beschrieben, denn diese Charakterisierung spiegelt allenfalls einenkleinen Ausschnitt der Vielfalt meines Lebens zwischen 1953 und 1989wider. Ja, Opfer eines letztlich untauglichen Systems und seinerBeschränktheit waren wir DDR-Bürger ganz sicher auch, aber daraufallein beschränkte sich unser Dasein bis 1989 nun wirklich nicht.

Diemeisten Darstellungen der DDR zielen entweder klar auf Verurteilungoder, umgekehrt, auf Rechtfertigung ab. Ich verstehe gut, warum sichsehr viele Menschen in Ostdeutschland in dieser Unterscheidung nichtwiederfinden: Sie hat in ihrer Eindeutigkeit mit den ganz konkretenAlltagserfahrungen der ehemaligen Bürgerinnen und Bürger der DDR sehrwenig tun. Wer wie ich in den Jahrzehnten zwischen 1949 und 1989zwischen Ostsee und Erzgebirge, Harz und Oderbruch aufwuchs, der warnun einmal in der DDR zu Hause. Dieses Land war uns vertraut. Es war,im Guten wie im Schlechten, unsere »Normalität«. Ob sich dieHeimatgefühle der Menschen auch auf die Ideologie und Staatsordnung desLandes erstreckten, das war eine ganz andere Frage und für dieLebensläufe der Menschen nicht vorrangig. Im Übrigen: Für manchepraktischen Probleme fand die DDR sogar gute Lösungen. Inzwischenwerden sie auch in den alten Bundesländern endlich offener diskutiertund nachgeahmt. Man denke an Kindertagesstätten, Ganztagsschulen undPolikliniken.

Dass die Zahl der vom DDR-Sozialismus völligüberzeugten Bürger überschaubar blieb, hatte triftige Gründe. Wer altgenug ist, weiß noch sehr genau, wie es tatsächlich zuging und aussahim Land, besonders in den späten Jahren des Regimes. Wer sich ehrlicherinnert, der kennt auch noch das lähmende Grundgefühl derVergeblichkeit, das das Leben in der DDR zunehmend prägte. In einemTagebucheintrag vom September 1982 hielt die Schriftstellerin ChristaWolf fest: »Eben dies, die bleiern graue Resignation, das bequemeSich-Gehen-Lassen, hat ja die allermeisten Leute erfasst, dienormalerweise schöpferisch sein könnten: Wer eine Generation lang darangehindert wird, gibt es schließlich auf. Oder geht weg. Mehltau legtsich über alle und alles.«

Das trifft die Stimmung in der DDRder achtziger Jahre sehr gut. Jener Mehltau, der mit den Jahren immerdicker wurde, erstickte tatsächlich Kreativität und Initiative.Betriebsleiter wussten kaum noch, wie sie ihre Pläne erfüllen sollten.Auf den Flüssen unseres schönen Landes schwammen oft giftigeSchaumkronen. In Dörfern und Städten zerfiel zusehends wertvollehistorische Bausubstanz. Die Versorgung mit ganz alltäglichen Güternfunktionierte immer schlechter. Ausgerechnet Günter Mittag, viele Jahrelang mächtiger Wirtschaftslenker der SED, brachte die trostloseWahrheit im Rückblick illusionslos auf den Punkt: »Ohne dieWiedervereinigung wäre die DDR einer ökonomischen Katastrophe mitunabsehbaren sozialen Folgen entgegengegangen ... Unbeschreiblich. Daläuft es mir heiß und kalt über den Rücken. Mord und Totschlag, Elend,Hunger.«

War also doch alles schlecht in der DDR? Der scheinbareWiderspruch ist in Wirklichkeit gar keiner: Als alltägliche Heimat undOrt unseres gelebten Lebens war die DDR völlig selbstverständlich»unser Land«. Als Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hingegen war sieam Ende weder reformierbar noch überlebensfähig. Vor Ungerechtigkeitund Willkür geschützt hat diese selbst ernannte »Diktatur desProletariats« ihre Arbeiter und Bauern nie. Und deshalb wünschte eineriesige Mehrheit der Ostdeutschen in den letzten Jahren der DDR nichtssehnlicher herbei als einen wirklichen Neuanfang. So übermächtig wurdediese Sehnsucht bei vielen, dass sie sogar die eigene Heimat verließen,um im Westen bei null wieder anzufangen. Fast immer war das eineschwere Entscheidung. Weitaus lieber bleiben Menschen nun einmal dort,wo sie ihre Wurzeln, Familien und Freunde haben.

Eben deshalbtaten wir Bürgerinnen und Bürger der DDR mit unserer friedlichenRevolution von 1989 dann doch das Richtige. Wir haben den Staat derSED, in dem nichts mehr ging, beseitigt und uns auf den Weg in eingeeintes, parlamentarisch-demokratisch verfasstes Deutschland begeben -eine Gesellschaft mit mehr Freiheit und besseren Lebenschancen, als wirsie in der DDR jemals besaßen. Das zu betonen bedeutet keineswegs, dassim gemeinsamen neuen Deutschland alles von vornherein besser wäre alsin der DDR. Es bedeutet auch nicht, dass die DDR keine bewahrenswertenSeiten aufgewiesen habe. Es bedeutet aber, dass wir uns für eineGesellschaftsform entschieden haben, die zur Verbesserung, zurErneuerung und zur Selbstkorrektur von innen heraus fähig ist.

»Wasnützen uns die schönsten Freiheiten, wenn die Marktwirtschaft genausoschlecht funktioniert wie damals die DDR?« So wird gerade angesichtsder aktuellen Wirtschaftskrise nicht selten gefragt. Wer sich aber einwenig umsieht in Europa und der Welt, der erkennt schnell, wie viel unsgelungen ist; der erkennt, dass wir in Ostdeutschland in Wahrheitunendlich viel zu verlieren haben. Aber kein Zweifel: Tiefe Finanz- undWirtschaftsmiseren wie die gegenwärtige bieten begründete Anlässe fürkritische Fragen.

Trotzdem führt das Aufrechnen vonfreiheitlicher Demokratie gegen staatssozialistisches System in dieIrre. Denn unsere demokratische Gesellschaft mit ihren Grundrechten undGrundfreiheiten ist ein Wert an sich. An sie haben wir uns allerdingsmittlerweile auch so sehr gewöhnt, dass wir sie zuweilen fürselbstverständlich halten und manchmal kaum noch wahrnehmen. Dochselbstverständlich sind Freiheit und Rechtsstaatlichkeit eben niemals.Wir würden diese Erträge der Revolution von 1989 bitter vermissen,würden wir sie im 21. Jahrhundert aus Nachlässigkeit noch einmal aufsSpiel setzen.

Was bleibt also von 1989? Damals sind wirgemeinsam aufgebrochen. Ungezählte Bürgerinnen und Bürger haben seitherihr Teil dazu beigetragen, dass Ostdeutschland weit vorangekommen ist.In der DDR war immer viel von "Aufbau" die Rede - viel zu viel sogar.Der Aufbau hingegen, der uns seit 1989 in Ostdeutschland unter enormschwierigen Bedingungen gelungen ist, wird gemessen daran deutlichweniger thematisiert - zu wenig. Ich finde, dass sich das ändernsollte, und zwar schon deshalb, weil wir in ganz Deutschland in denkommenden Jahren noch eine ganze Menge von der unverzagten undunerschrockenen Grundhaltung brauchen werden, die Millionen vonOstdeutschen seit dem Herbst 1989 an den Tag gelegt haben. Rückschlägeerleiden, wieder aufstehen, sich neu orientieren und unbeeindrucktweitermachen - genau das haben die Ostdeutschen in den vergangenen zweiJahrzehnten sehr gründlich erlernt. Das sind nicht die schlechtestenFertigkeiten, um im 21. Jahrhundert zurechtzukommen."