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Das Loch im ungarischen Grenzzaun

Matthias PlatzeckMatthias Platzeck, Berliner Zeitung vom 26.06.2009

Am Abend des 10. September 1989 saß ich mit meinem ungarischen Freund Albert in Budapest vor dem Fernseher, als Ungarns Außenminister Gyula Horn verkündete: "Jeder sich in Ungarn aufhaltende DDR-Bürger kann von Mitternacht an das Land in Richtung des von ihm gewünschten Zieles verlassen."

Mein eigenes Reiseziel am nächsten Morgen hieß dennoch Potsdam. Hier,in meiner Heimatstadt sah ich allen Widrigkeiten zum Trotz meineZukunft.Doch zigtausende Bürger hatten alle Hoffnung auf bessere Zeiten inder DDR bereits aufgegeben. Sie waren längst in umgekehrter Richtungunterwegs: Allein in den drei Tagen bis zum 13. September reisten 12000 Menschen über Österreich in die Bundesrepublik aus, volle 30 000sollten es bis Ende September werden.

Wie wichtig die ungarische Grenzöffnung für das weitere Geschehen inder DDR war, ist kaum zu überschätzen. Im Rückblick verdichtet sichkomplizierte Geschichte immer in Bildern - und nur die eingängigstendieser Bilder setzen sich in den Köpfen fest. Vermutlich deshalb neigenwir in Deutschland dazu, das Ende der kommunistischen Herrschaft inMittel- und Osteuropa vor 20 Jahren durch unsere nationale Brille zubetrachten. Der Fall der Mauer in Berlin am 9. November 1989, dietanzenden Menschen vor dem Brandenburger Tor, dazu Trabis statt Agentenauf der Glienicker Brücke - das waren nun einmal die prägnantestenBilder jener aufregenden Zeit. An sie denken die meisten von unszuerst, wenn es um das Ende der DDR und den Weg zur deutschen Einheitgeht.

Aber im Grunde war der Fall der Mauer nur der Schlussakkord einerdynamischen Entwicklung, die eine Vielzahl von Ursachen hatte und sichan vielen europäischen Orten zugleich abspielte.

Michail Gorbatschows Perestroika in der Sowjetunion, Lech WalesasSolidarnosc in Polen, die Charta 77 in der Tschechoslowakei, aber auchdie aufkeimenden Bürgerrechts-, Umwelt- und Friedensbewegungen in derDDR - Entwicklungen wie diese hatten die Verhältnisse im Osten Europasschon im Laufe der achtziger Jahre zunehmend in Schwingungen versetzt.Veränderung lag in der Luft. Mit dem Runden Tisch in Polen nahm sieerste konkrete Gestalt an. Aber ebenso eines der wegweisendenEreignisse, ohne die es kaum zur friedlichen Revolution in der DDRgekommen wäre (zumindest nicht schon 1989), war der Abbau derSperranlagen und Wachtürme an der Grenze zwischen Österreich undUngarn. Als Außenminister Gyula Horn und sein österreichischerAmtskollege Alois Mock vor 20 Jahren, am 27. Juni 1989, großeDrahtscheren ergriffen, um ein Loch in das rostige Drahtverhau derGrenzsicherungsanlagen zu schneiden, da produzierten sie sogar selbsteines jener symbolträchtigen Bilder, die den weiteren Verlauf vonGeschichte beeinflussen können. Denn in Wahrheit legten sie Hand an diegesamte Nachkriegsordnung.

Das Loch im ungarischen Drahtverhau riss in den Eisernen Vorhang,der ganz Europa seit vier Jahrzehnten in zwei Hälften zerschnitt, einezunächst kleine, aber für die Herrschenden in der DDR höchstgefährliche Lücke. Einerseits wurden die im Sommer 1989 über Budapestund Prag geflüchteten Bürger in der DDR schmerzlich vermisst. Es warenIngenieure und Facharbeiter, Ärztinnen und Straßenbahnfahrer, die dasLand verließen - was wiederum die Versorgungsmängel in der DDR nur nochweiter verschärfte. Andererseits konnten die in der DDR gebliebenenBürger nun Tag für Tag im Westfernsehen die Freude der ausgereistenLandsleute über ihre gelungene Ankunft im Westen verfolgen. Dies allessteigerte im Frühherbst den in der DDR ohnehin verbreiteten Verdrussüber die Verhältnisse im Land nur noch mehr.

So schuf nicht zuletzt das Loch in der ungarisch-österreichischenGrenze in der DDR eine beispiellos zugespitzte Lage. Die einen wolltennun erst recht so schnell wie möglich weg, bei anderen griff eintrotziges Gefühl des Jetzt-erst-recht um sich, das sich schon wenigeWochen später in Leipzig und anderswo in den revolutionären Losungen"Wir sind das Volk" und "Wir bleiben hier" Luft machen sollte. ImRückblick ist klar: Beide Gruppen, die Ausgereisten und die"Hierbleiber", trugen auf je eigene Art dazu bei, dasfunktionsuntüchtige System der SED zu beenden: die einen, weil sienicht mehr da waren, die anderen, gerade weil sie noch da waren und nundas Land von innen heraus veränderten.

Wenige Tage vor der endgültigen Grenzöffnung am 10. Septembervertraute der ungarische Premierminister Németh Bundeskanzler HelmutKohl an, was seine Regierung zu tun beabsichtige. Daraufhin, so wirdberichtet, habe Kohl wörtlich gesagt: "Das wird Ihnen das deutsche Volkniemals vergessen." In etlichen Fragen konnte ich Helmut Kohl in denfolgenden Jahren nicht zustimmen. Doch dass er mit dieser einenVoraussage recht behalten möge, das hoffe ich mit ihm gemeinsam. WirDeutschen verdanken den Ungarn viel.

Seine Erinnerungen an die Jahre 1989/90 hat Matthias Platzeck soebenin dem Buch "Zukunft braucht Herkunft" (Verlag Hoffmann und Campe)veröffentlicht.