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"Umbruchkompetenz" des Ostens

Matthias PlatzeckBuchbesprechung von Roland Mischke, Chemnitzer Freie Presse
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall wird darüber diskutiert, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. Eine typisch deutsche Regung: Vor der Freude über das gänzlich unerwartete Ende einer Diktatur steht die unerbittliche Analyse derselben. Gibt es nicht Stasi-Spitzel in ostdeutschen Ministerien? Haben Politiker dort nicht noch Dreck am Stecken? Ist die Aufarbeitung schon durchgreifend vollzogen?

Matthias Platzeck, 55, brandenburgischer Ministerpräsident (SPD), inder verblichenen DDR aufgewachsen, stellt den vergrübelten Landsleutensein Heimatgefühl und seine politischen Lehren aus der Zeit derWiedervereinigung entgegen. Er jammert nicht, es sei doch nicht allesschlecht gewesen, sondern setzt Kontrapunkte. Sein Hauptanliegen:"Ostdeutschland ist kein Traditionskabinett der DDR, sondern einmodernes Land, in dem sich viel entwickelt hat." Sein Wunsch: Das Image"Dunkeldeutschland" muss weg.

Ihn störe extrem, erklärte er bei der Vorstellung seines Buches"Zukunft braucht Herkunft - Deutsche Fragen, ostdeutsche Antworten","dass es immer nur um die DDR geht, wenn über Ostdeutschland geredetwird. Diese Art von Rückblick bringt uns nicht weiter".Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) unterstützte PlatzecksAnsatz. Er war es, der einst den Bürgern in Ost und West empfahl, siesollten einander ihre Biografien erzählen. Das ist zu wenig geschehen.

Platzeck holt das nun nach. Zwar äußert er im Buch allerlei Gedankenzur Solidarität zwischen West- und Ostdeutschen, zum Sozialstaat undzur Rolle in Europa, aber am wichtigsten sind die Kapitel über dieStimmungslage im deutschen Osten. Da kommen seine Ausführungen alsPaukenschlag daher, wie auch das Interview im "Spiegel", in dem ergegen die "Schwarz-weiß-Debatten die die Leute hier kirre machen",wütet. Platzeck macht sich zum Sprecher der Menschen, die in dieBundesrepublik wollten, aber dort noch nicht angekommen sind, weil siesich nicht angenommen fühlen. Er versucht das Mentale zu erklären, erargumentiert, differenziert.

Ihm geht es vor allem um das Lebensgefühl der Ostdeutschen in denachtziger Jahren, in denen sich die Vorboten der einzigen friedlichendeutschen Revolution abzeichneten, die zum Zusammenbruch desrealsozialistischen Systems führten. Schaut her, verkündet Platzeck, dawar ein kleines Land mit Bürgern, die es freier, bunter undlebenswerter haben wollten. Die sich gegen die Diktatur stellten undetwas riskierten. Deutsche mit Mut. Das ist doch die Lebenserfahrung:Dass Mut sich lohnt, dass Willensbeharrung Veränderung schafft. Es sollnicht nur um die unselige Verkürzung gehen: Warst du dafür oderdagegen? Nicht nur um Täter und Opfer. Platzeck will die Gesamtschau.Seine Kritik an der DDR ist fundamental: Dieser Staat habe in 40 Jahrendie letzte Substanz verbraucht, er war nicht zukunftsfähig. Unter denFunktionären war die Gesellschaft "nach vorn zu, nicht offen, nichtgestaltbar". Historiker würden noch Jahrzehnte brauchen, das in Detailsaufzuarbeiten. Aber es ist eben Geschichte, es sagt nicht alles überdie Menschen, die im Regime feststeckten wie in einer Sackgasse.Unzufriedene, aber auch örtliche Umweltaktivisten, Mitglieder vonFriedenskreisen, Reformer, wache Bürger, gegen die Stasi-Chef Mielkeseine Schwadronen aussandte. Die verdumpften Mitläufer gab es, aber eswar keineswegs die Mehrheit.

Platzeck geht es um Anerkennung. Der Westen könne durchaus vom Ostenlernen. Wie er eine "komplette Deindustrialisierung" in zweiJahrzehnten bewältigt und "völlig neue Strukturen aufgebaut" habe. Wiesich der in ostdeutschen Städten bis zu 30 Prozent zugenommeneBevölkerungsschwund organisieren lässt. Wie Parteien mit geringenMitgliederzahlen effizient politische Arbeit leisten können. Wie trotzdes Zusammenbruchs der Großindustrie intakte wirtschaftlicheVerhältnisse zustande kommen. Wie ideologisch eingestanzte Denkmusternach nur einer Generation aus den Köpfen junger Ostdeutscherverschwunden sind. "Umbruchkompetenz" nennt Matthias Platzeck das. EinBegriff, der sich auch in der gegenwärtigen Finanzkrise als tauglicherweisen könnte.