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Jede Mark zählte

Frank-Walter SteinmeierNamensbeitrag des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier in "Die Zeit"

Icherinnere mich genau. Es war die Zeit, in der es Zeugnisse noch zuOstern gab und man genau wusste, wo sein Platz in der Gesellschaft war.Meiner wäre eigentlich nicht in der Oberschule gewesen und ganz sichernicht auf der Universität. Es war beim Frühstück. Brot, Marmelade,Kakao. Meine Mutter servierte mir dazu einen Satz, den ich nievergessen hatte: "Nun musst du es selbst wissen, die anderen kommennicht mit."

Am Abend vorher war Elternabend gewesen in der Grundschule vonBrakelsiek - einer Zwergenschule, jeweils zwei Jahrgänge in einemKlassenraum, von einem Lehrer unterrichtet. Elternabend am Ende desvierten Schuljahres hieß Entscheidung über die weitere Schullaufbahn.Das war in aller Regel überraschungsfrei. Nur wenige aus dem Dorfhatten je einen Weg zur Oberschule gefunden. Umso erstaunlicher, dassHelmut Kuhlmann, mein alter Grundschullehrer, diesmal gleich eineHandvoll seiner Schützlinge auf die Reise schicken wollte.

Ich war dann der Einzige, der wirklich ging. Die befragten Elternwinkten ab. Warum lange Umwege gehen, auf Lohn und Gehalt für Jahreverzichten, Ungewissheiten in Kauf nehmen, wenn mit einem ordentlichenLehrberuf schneller Sicherheit erreichbar war? Ich habe die Diskussionin meiner Familie noch im Ohr. Mein Vater stammte von einem Bauernhof,elend klein, der Ertrag war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.Nach dem Krieg hatte er Tischler gelernt. Meine Mutter, im Viehwaggonaus Schlesien geflüchtet, arbeitete beim Bauern, später in derTextilfabrik im Nachbarort und, als wir Kinder geboren waren, halbtagsim Forst. Keine Armut zu Hause, aber knapp ging es zu. Erst recht, alsdas Projekt Eigenheim begonnen war. Jede Mark zählte. Vielleicht gingenauch meine Eltern wie die anderen davon aus, dass der Sprössling eineAusbildung macht und bald Geld nach Hause bringt.

Aber meine Mutter hatte ja gesagt: "Nun musst du es selbst wissen."Ich wusste mit meinen zehn Jahren nicht viel und war trotzdementschieden, es mit dem Gymnasium zu versuchen. Auch wenn es einsam imSchulbus war ohne die Kumpels vom Sportplatz. Ich bin heilfroh, den Weggegangen zu sein. Aber ich erinnere mich auch an die vielen Jahre, indenen ich das Gefühl hatte, die Entscheidung vor mir selbstrechtfertigen zu müssen. Die ehemaligen Klassenkameraden verdientenschon Geld, bevor ich das Abitur hatte. Und dann lag noch ein ganzesStudium vor dem regelmäßigen Einkommen.

Wenn wir heute über Studiengebühren reden, sprechen wir meist übersGeld. Das ist richtig, aber unvollständig. Wir müssen auch über Zweifelund Ängste reden, die viele befähigte Kinder aus den so genannten"einfachen Verhältnissen" vom Weg zu Abitur und Uni abgehalten habenund abhalten. Damals wie heute. Die Unsicherheit der Eltern, ob es beimeigenen Kind wirklich reicht oder ob nicht am Ende eine Blamage droht.Ob das eigene Kind sich unter den Kindern aus besserem Hausezurechtfinden und wohlfühlen wird. Ob man sich auf Bildungsabenteuereinlassen muss, wenn alles auch einfacher und schneller zu haben ist.

Ich weiß nicht, wie die Entscheidung bei uns zu Hause ausgefallenwäre, wenn es nicht Bafög gegeben hätte. Eines weiß ich bestimmt: MitStudiengebühren wäre ich nicht zur Universität gelangt. Zumal niemandbei uns von Stipendien jemals etwas gehört hatte. Aus heutiger Sichtkann ich lächeln über manches. Das Außenministersalär ist sicher eineordentliche "Verzinsung", keine Frage. Damals aber fehlte uns dieErfahrung, die langfristigen Vorteile von Studium und Universität zuermessen. Wie auch, wenn man der Erste der Familie ist, der den Weggeht!

Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, von Gießen aus für einStudium ins Ausland zu gehen. Harvard oder Yale lagen in einer anderenGalaxie. Und anders als viele meiner Freundinnen und Freunde konnte ichmich auch nicht nur aufs Studieren konzentrieren. Ich habe nebenher ineinem Fahrzeugbetrieb und einer Möbelfabrik gejobbt und Tausende vondunkelbraunen Nussbaumschrankwänden mit dem damals so begehrten Barfachausgestattet. Nussbaumschränke bauen statt netzwerken: Das waren meineSemesterferien.

Vielleicht ist mein Glück als Politiker, dass ich mich selbst nocherinnern kann, wie mir Schüler-Bafög und Bafög den Aufstieg durchBildung ermöglicht haben. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und diesenDank drücke ich aus, indem ich heute für eine bessere Bildung undChancen für alle kämpfe, gegen Gebühren und neue Hürden. Alles anderewürde ich als Verrat an meiner eigenen Biografie empfinden.