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Wer sich vereinigt, bleibt nicht alleine – Eine Antwort von Klaus Ness auf Jörg Schönbohm

Klaus NessAm 22. Oktober hatte der Ehrenvorsitzende der CDU Brandenburg, Jörg Schönbohm, einen Beitrag über "die Lust am Beleidigtsein" der Ostdeutschen in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) veröffentlicht. Schönbohm beklagte sich darin über kollektives Beleidigtsein der Ostdeutschen, wann immer das offene Gespräch über die Folgen von 40 Jahren Sozialismus in der DDR gesucht wird. SPD-Generalsekretär hat am heutigen Tag dem CDU-Politiker Schönbohm in der MAZ geantwortet:

"Seit geraumer Zeit hat Jörg Schönbohm ein Lieblingsthema gefunden. Erkämpft gegen reale und vermeintliche "Denkverbote" in Deutschland undhat dazu sogar ein kleines Büchlein geschrieben. In seinem jüngstenBeitrag in der MAZ hat er sich nun todesmutig einem neuen "Denkverbot"gewidmet, nämlich die vermeintliche "Lust am ostdeutschenBeleidigtsein". Was meint Schönbohm damit? Im Kern wirft er einerMehrheit der Ostdeutschen vor, Undankbarkeit dafür zu empfinden, dasssie heute in Freiheit in einem geeinten Deutschland leben. ImKonkreten beklagt er sich darüber, dass er als Westdeutscher, der jetztim Osten lebt, mit seiner Sicht auf die Vergangenheit kaum Zustimmungfindet.

Ich finde es gut, dass Schönbohm dies offen ausspricht. Denn ingewisser Hinsicht dokumentiert er damit auch die Seelenlage eines Teilsvon Westdeutschen, die nach der Wende nach Ostdeutschland gekommensind, um hier bei der Aufbauarbeit mitzuwirken. Aber eben nur einesTeils. Und deshalb verdient Schönbohm mit seiner Sicht auchWiderspruch. Und zwar nicht nur von Ostdeutschen, sondern auch aus derSicht eines Westdeutschen, der wie er 1990 aus Westdeutschland in dieneuen Länder gekommen ist und seitdem hier lebt und seine neue Heimatgefunden hat.

Schönbohm versucht sich in seinem Text an einer Erklärung, warum dieOstdeutschen 20 Jahre nach der Wende so sind wie sie nach seinerMeinung sind. Nämlich noch keine richtigen Gesamtdeutschen und in denWerten des Westens nicht angekommen. Schönbohm Erklärung ist einfach:die kommunistischen Machthaber hatten das Ziel, einen "neuen Menschen"zu schaffen und konstatiert, dass sie damit gescheitert seien.Gleichzeitig stellt er aber fest, dass "wir (wer ist das? Wir alle? DieWessis im Osten? Oder etwa die Westdeutschen allgemein?) uns täuschen,wenn wir dächten, das alles sei ohne Auswirkung auf das Denken, Fühlenund Handeln der Menschen geblieben" Da haben wir also die Erklärung:Der Ossi ist zwar kein neuer Mensch geworden, aber ein bisschenkommunistisch verseucht ist er doch! Hier beginnt Schönbohms Problemmit den Ostdeutschen. Sie haben 40 Jahre in einem anderen Systemgelebt, das aus seiner Sicht illegitim war. Kopfschüttelnd stellt ernun fest, dass auch 20 Jahre nach der Wende manche Geisteshaltung, aberauch das Wahlverhalten, die Sicht auf die Vergangenheit und Gegenwartanders ist, als er sich das wünscht. Was dabei offensichtlich außerhalbseiner Vorstellungskraft liegt, ist die Überlegung, dass Ostdeutscheauch 20 Jahre nach dem Ende der DDR - in selbstkritischer Überprüfung- zu der Haltung gekommen sein könnten, dass manche unter denBedingungen der Diktatur entwickelte Haltung und Sichtweise auch unterdemokratischen Bedingungen ihre Berechtigung hat.

Im Herbst 1989 beendeten die Menschen in der DDR aktiv die Existenzihres Staates und des ihm zugrunde liegenden diktatorischen Systems.Sie beendeten aber nicht ihr gelebtes Leben. Sie warfen auch nicht ihreindividuellen Werthaltungen über Bord. Warum denn auch? Menschen, diein der DDR gelebt haben, haben nicht 40 Jahre lang ein falsches Lebengelebt. Sie haben nur unter anderen Bedingungen gelebt. Sie habenErfahrungen gesammelt, die auch am 3. Oktober 1990 nicht auf denMüllhaufen der Geschichte gehörten. Viele zu viele Westdeutsche – undich befürchte, auch Schönbohm gehört nach 20 Jahren aktiver Arbeit imOsten immer noch dazu - haben nach der Vereinigung eine Dankbarkeitder Ostdeutschen ihnen gegenüber erwartet, jetzt endlich das richtigeLeben im richtigen System leben zu dürfen. Sie haben erwartet, dass dieOstdeutschen werden wie sie selbst. Das ist wahrscheinlich derGrundfehler vieler Westdeutscher in der bisherigen Vereinigungsdebatte,der eine simple Grunderkenntnis negiert: Wer sich vereinigt, der bleibtnicht alleine. Wir Deutschen müssen lernen, dass wir jetzt gemeinsam ineinem Land leben, in dem beide Seiten ihre Erfahrungen gleichberechtigt einbringen können. Die Ostdeutschen haben 1989 nichtverloren, die Westdeutschen nicht gewonnen. Ost- und Westdeutschenhaben nur gemeinsam entschieden, in einem Land zu leben.

Dass das bisher nicht so gut funktioniert, wie wir uns das allewünschen, hat auch damit zu tun, dass viel Westdeutsche sich zu wenigfür das gelebte Leben in der DDR interessierten und es wirklich ernstnehmen. Und es hat damit zu tun, dass viele Westdeutsche mit ihrerSichtweise und ihrem Erfahrungshintergrund versuchen, einDeutungsmonopol des gelebten Lebens in der DDR durchzusetzen. Wir inBrandenburg haben dies in der ersten Hälfte der 90er Jahre imZusammenhang mit der Diskussion um Manfred Stolpe erleben müssen. Einewestdeutsche mediale Kampagne, garniert mit Historiker- und anderen"Experten"-Sichtweisen, versuchte damals, einen beliebtenMinisterpräsidenten wegen seiner Rolle in der DDR aus dem Amt zudrängen. Die Brandenburger spürten damals, dass diese Sichtweise nichtsmit ihren Erfahrungen zu tun hatte. Deshalb scheiterte diese Kampagneam ostdeutschen Eigensinn der Brandenburger. Aus vielen Diskussionenund Gesprächen mit insbesondere westdeutschen Journalisten weiß ich,dass diese Nichtdurchsetzung eines Deutungsmonopols als "Niederlage"empfunden wird. Verarbeitet wird diese "Niederlage" mit der immerwiederkehrenden Etikettierung Brandenburgs als vermeintliche "kleineDDR".

Als ich mit Ende 20 im Sommer 1990 zunächst in das entstehendeBundesland Thüringen und im Herbst 1991 nach Brandenburg gekommen bin,war ich extrem neugierig. Neugierig auf ein Leben, das ich bisher nichtgekannt habe, neugierig, was auf mich und die Menschen im Osten imRahmen der anstehenden Veränderungen zukommt. Ich hatte das Gefühl, dasetwas Neues entsteht, an dem ich mitwirken konnte und bei dem ich etwasNeues lernen würde, auch Neues über mich erfahren würde. Vielleicht istdas der Unterschied zu Jörg Schönbohm, der schon alles über sichwusste."