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20 Jahre Brandenburg - Gespräch mit Manfred Stolpe und Matthias Platzeck

Manfred Stolpe und Matthias PlatzeckDoppelinterview für die MAZ-Beilage zum 3.Oktober 2010

Zum ersten Mal überhaupt brachte die MAZ die beiden SPD-Politiker an einen Tisch, die in den zurückliegenden 20 Jahren Brandenburg auf ihre besondere Weise geprägt haben. Mit Manfred Stolpe und Matthias Platzeck sprachen Igor Göldner und Henry Lohmar.

MAZ: Herr Stolpe, Herr Platzeck, seit wann kennen Sie sich eigentlich?

Matthias Platzeck: Ich kannte Manfred Stolpe schon zu DDR-Zeiten,weil meine Eltern mit Stolpes Kontakt hatten. Aber seine politische Rolle wurde mir erst bewusst, als wir Ende der 80er Jahre Bürgerinitiativen gründeten und immer geheimnisvoll von der Telefonnummer des Konsistorialpräsidenten gesprochen wurde. Es hieß, wenn mal irgendwas passiert, der Mann hilft.

Manfred Stolpe: Ich hatte zwar keine Telefonnummer von Platzeck, aber ich hatte im Herbst 1989 von ihm gehört. Das war die Zeit, als wir bemüht waren, mit den Staatsorganen einen einigermaßen vernünftigen Gesprächskontakt zu halten, um eine Zuspitzung zu vermeiden.

Worum ging es da?

Stolpe: Meine Sorge war, dass alles wieder zurück rollt, wie ich es schon 1953 erlebt hatte. Also, dass sich erst etwas öffnet und dann rollen doch wieder die Panzer. Und da beklagte sich der Stellvertreter Inneres beim Rat des Bezirks Potsdam, dass es einige unruhige Geister gebe. Dabei fiel auch der Name Platzeck. Unsere Linie in den Gesprächen war, sie sollten nicht immer nur Gespenster sehen, sondern davon ausgehen, dass es sich um Menschen handelt, die auf dem Boden der Realität stehen und Interesse haben, dass es eine gute Entwicklung gibt.

Auf der politischen Bühne sind Sie sich zum ersten Mal im Landtagswahlkampf in Brandenburg 1990 begegnet – auf verschiedenen Seiten. Sie, Herr Stolpe, als Spitzenkandidat der SPD. Sie, Herr Platzeck, für das Bündnis 90. Was war das für eine Beziehung, die Sie da hatten?

Stolpe: Die Konkurrenzsituation war da, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir einen massiven Wahlkampf gegeneinander geführt haben.

Platzeck: Wir haben damals als Bündnis 90 nur kandidiert, weil wir nach der Volkskammer- und Revolutionszeit nicht so sang- und klanglos von der Bühne verschwinden wollten. Wir hatten aber mitnichten daran gedacht, dass wir gewählt werden.

Sie, Herr Stolpe, entschieden sich für das Experiment einer "Ampelkoalition" mit FDP und Bündnis 90. Warum?

Stolpe: Mit den Ausschlag gab bei uns, dass bei den Bündnisleuten der Platzeck dabei war. Es hieß, das ist ein vernünftiger Mensch, mit dem müsste das eigentlich gehen. Aus dem Westen gab es massiven Druck in die andere Richtung. Helmut Kohl hat darauf gesetzt, dass ich eine Koalition mit der CDU mache.

Wäre es nicht zur "Ampel" gekommen, in der Matthias Platzeck Umweltminister war, würde es heute einen SPD-Ministerpräsidenten Platzeck vielleicht gar nicht geben?

Stolpe: Gute Talente gehen ihren Weg.

Herr Platzeck, hatten Sie damals einen Plan B für ein Leben ohne Politik?

Platzeck: Wenn wir den Einzug in den Landtag verpasst hätten, hätte ich mir schon was gesucht, vielleicht im Umweltschutz oder ich wäre zurück in die Hygieneinspektion gegangen. Ich war da völlig offen, habe mir keine großen Gedanken gemacht.

Ihre eigentliche politische Schicksalsentscheidung, Herr Stolpe, lag ja weit davor, als Sie sich für die SPD und nicht die CDU entschieden.

Stolpe: Diese Frage kam schon im Dezember 1989. Da lief die Vorbereitung für die Allianz für Deutschland. Helmut Kohl wollte mich anheuern. Damals wollte ich aber noch nichts von einer Parteimitgliedschaft wissen. Im April 1990, also nach den Volkskammerwahlen, merkte ich , dass wir mit riesigen Schritten in das westliche Parteiensystem reinkommen. Ich stand damals schon im Kontakt mit Regine Hildebrandt und wir waren uns im Klaren, es kommen auf uns riesige Probleme zu. Wenn die Marktwirtschaft im Osten schnell eingeführt wird, dann wird man erleben, dass die Unternehmen dem nicht gewachsen sind, Arbeitslosigkeit droht. Ich dachte, jetzt brauchst du Verbündete und die einzigen, die dafür in Frage kamen, waren die Sozialdemokraten.

Die deutsche Einheit kam dann schneller als viele gedacht haben. Mit welchen Gefühlen haben Sie diese Entwicklung verfolgt?

Stolpe: Ich war immer der festen Überzeugung, dass die Deutschen zusammengehören. Mein Bruder, ein paar Jahre älter als ich, kam aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft und blieb im Westen. Wir waren im Osten. Der Kontakt aber wurde in all den Jahren durchgehalten, sogar bis in die folgenden Generationen. Aber mir war auch klar, dass die DDR ein wichtiger Bestandteil im sowjetischen Lager ist – militärisch wie wirtschaftlich. Ich sagte mir immer, wir müssen sehen, wie wir ein bisschen mehr Luft in den Karton bekommen. Mein Traum war immer, vielleicht könnte es ein bisschen so werden wie in Finnland. Die waren auch unter dem Machtbereich der Russen, hatten aber viele Freiheiten. Ich habe dann immer gesagt, wir könnten ja im RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, d.Red.) und im Warschauer Vertrag bleiben, aber ein anderer deutscher Staat sein. Dass das schnell mehr wird, habe ich nicht glauben können.

Platzeck: Bei mir war das ein bisschen anders. Ich war ein astreines DDR-Kind. Keine Westverwandten, keine Westbekannten. Ich war auch nie im Westen gewesen. Ich war politisch sehr interessiert, habe viel gelesen. Aber das Ziel all meiner Wünsche und Sehnsüchte war nicht Westdeutschland. Mir schwebte schon in meinen jungen Jahren so etwas wieder Dritte Weg vor.

Wie sollte der aussehen?

Platzeck: Im Freundeskreis, wenn wir abends bei schlechtem Rotwein sinnierten, war Mitte der 80er Jahren eine unserer kühnsten Annahmen, dass Honecker irgendwann stirbt und dann so ein ähnlicher Typ wie Gorbatschow kommt, der Name Modrow fiel damals schon und dass das alles ganz vorsichtig gehen wird. Aber wir würden spätestens 2000 oder 2010 Reisefreiheit haben.

In der Volkskammer 1990 gehörten Sie, Herr Platzeck, mit Ihrer Fraktion zu den Skeptikern des Einigungsprozesses. Wie sehen Sie das heute?

Platzeck: Ja, wir waren damals gegen eine schnelle Vereinigung. Wir haben im März 1990 für Bündnis 90/Grüne das Wahlplakat entworfen: "Artikel 23: Kein Anschluss unter dieser Nummer" ...

Stolpe: ... ich war ganz hart für Artikel 23. Ich sah das wie eine Schicksalsfügung. Wir brauchten nur beschließen und dann ist es passiert...

Platzeck: Wir verharrten in einem Stück Revolutionsromantik. Das ging in die Richtung: Wir haben die Revolution gemacht, die lassen wir uns nicht von der CDU oder irgendwem wegnehmen. Denn wir wollten dieses Land umgestalten, den Garten bestellen, der bereitet war. Doch plötzlich merkten wir, das läuft alles in eine bestimmte Richtung, wie in einen Trichter – das wird Westdeutschland pur. Ich habe dann in unseren Kreisen gesagt, Leute, wir stehen neben der Spur, das müssen wir jetzt respektieren.

Aber etwas von Ihrer Skepsis scheint geblieben zu sein, wenn Sie 20 Jahre danach immer noch von einer "Anschlusshaltung" vieler Westdeutscher sprechen.

Platzeck: Wenn man zwei gesellschaftliche Gruppen zu einem Ganzen zusammenführt, ist es psychologisch eine alte Erkenntnis, dass der Kleinere die Möglichkeit haben muss, ein paar Haltepunkte zu finden und etwas mitzubringen, was gut war. Mich hat gestört, dass wir die Chance nicht genutzt haben, ein, zwei, drei dieser Elemente mitzunehmen, die wir uns heute wieder über andere gesetzliche Wege zurückholen. Das hätte ganz vielen nicht dieses Gefühl gebracht, sie seien Menschen zweiter Klasse.

Glauben Sie, dass dieses Gefühl noch vorhanden ist?

Platzeck: Ich war kürzlich sehr beeindruckt, als in ihren Reden zu 20 Jahre Einigungsvertrag die Bundeskanzlerin, aber auch Innenminister Thomas de Maiziere gesagt haben, es wäre damals besser gewesen, einige Lebens-, Rechts- und Strukturelemente aus der DDR mit in die neue Gemeinschaft zu nehmen. Das hätte vielen Bürgern das Ankommen in diesem neuen großen Ganzen erleichtert. Nichts anderes hatte ich vorher in dem Interview sagt und wurde dafür sehr gescholten.

Würden Sie mit dem Wissen von heute diese Zeit noch einmal erleben, worauf hätten Sie damals am liebsten verzichtet, was hätten Sie anders gemacht?

Stolpe: Meine Grundenttäuschung war, dass wir mit dem Beitritt diese wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen nicht so gelöst haben wie gedacht. Es war eine tiefe Marktgläubigkeit vorhanden. Vielleicht hätte man sich entschlossener mit denen verbinden müssen, die die wirtschaftlichen und sozialen Probleme gesehen haben, wie einige Wirtschaftsleute. Ich habe damals bei den Spitzen der großen Bundesparteien den verzweifelten Versuch unternommen – das hätte mir fast die Einweisung in eine Irrenanstalt gebracht – zu bitten, doch die Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 zu verschieben und in dieser einmaligen historischen Situation eine gemeinsame Regierung zu bilden.

Platzeck: Ich würde das Thema Rückgabe vor Entschädigung noch einmal durchdenken. Ich meine, da ist mehr Unfrieden als Frieden entstanden. Und ich würde mir den Monat Zeit wünschen, sich sinnvolle Elemente aus der DDR anzuschauen und sie des ideologischen Beipacks zu entkleiden, wie das 12-jährige Abitur oder die Polikliniken. Und die Treuhand müsste so gebändigt werden, so dass es nicht möglich ist, wie in Oranienburg das Stahlwerk nur zu kaufen und gleich zu schließen.

Seit dem 3. Oktober 1990 gibt es offiziell wieder das Land Brandenburg. Von Herrn Stolpe wissen wir, dass er ein Preußen-Fan ist. Mal ehrlich, Herr Platzeck, konnten Sie sofort etwas mit der Orientierung auf Brandenburg anfangen?

Platzeck: Nicht viel. Ich war ja damals ein Vertreter der "Nordmark", die mir immer am Herzen lag. Aus Ostdeutschland sollten zwei Bundesländer werden: die "Nordmark" mit Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Berlin. Und die Sachsen und Thüringer sollten sich zusammenzuschließen. Außerdem bin ich Wasser-Fan, ich wollte immer einen Seezugang haben (lacht) ...

Stolpe: ... Zusammenlegungen sind nicht ausgeschlossen. Ich will ja nicht prophetisch werden, aber wenn die Finanzsituation in der Bundesrepublik so weiter geht, wird eines Tages die Bundesebene drängen,dass es weniger Länder werden.

Platzeck: Ich zitiere Sepp Herberger: die Wahrheit liegt auf’m Platz. Es war eben so, dass es anders als in Sachsen oder Thüringen bei uns damals nicht einen Fußballplatz gab, wo irgendeiner etwas mit Brandenburg gerufen hätte. Es gab diese Orientierung in den Köpfen überhaupt nicht. Mit dem roten Adler konnten viele nichts anfangen.

Stolpe: Das war ja richtig ausgemerzt.

Platzeck: Ja, Stadtschloss in Potsdam abgerissen, alles was erinnern konnte, war ja weg. Deshalb ist es das große Verdienst von Manfred Stolpe und von Regine Hildebrandt, schon Anfang 1990 darauf hingewirkt zu haben, dass es etwas gibt, was Brandenburg heißt und seine Bindekraft entfalten kann. Und heute steht bei uns alles zum roten Adler. Wenn ich auf Dorfveranstaltungen bin, ist es nicht unüblich, dass die Leute beim Brandenburg-Lied "Steige hoch, Du roter Adler" aufstehen. Das hat ja was.

Stolpe: Wir sollten den Text in der Schule lehren.

20 Jahre Brandenburg bedeutet auch 20 Jahre ununterbrochene Herrschaft der SPD, in verschiedenen Koalitionen. Denken Sie manchmal daran, dass die Vormacht Ihrer Partei über eine so lange Zeit auch einmal vorbei sein kann?

Stolpe: Das hängt auch mit Personen zusammen. Die SPD hat es bis heute mit Matthias Platzeck verstanden, das Vertrauen der Menschen zu behalten. Wichtig ist, nah bei den Menschen zu sein, ihnen zuhören zu können, ihnen aber auch nicht nach dem Munde zu reden.

Platzeck: Man darf nie denken, das Land regieren zu dürfen, wäre gottgegeben oder gesetzt. Wir haben auch Fehler gemacht und stehen dazu.Solange wir diese Kraft haben, haben wir die Chance, weiter Verantwortung zu tragen. Uns wird aber nichts geschenkt, der Wind wird rauer, der Wettbewerb härter.