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"Großes Gespür für Echtheit"

Manfred StolpeRegine Hildebrandt wäre heute 70 Jahre alt geworden. Regine Hildebrandt war neun Jahre als Sozialministerin im Kabinett von Manfred Stolpe und hat tiefe Spuren in der Politik hinterlassen. Manfred Stolpe würdigt sie in einem lesenswerten Interview in der Märkischen Allgemeinen Zeitung. Lesen Sie das Interview hier.

MAZ: Herr Stolpe, glauben Sie, dass Regine Hildebrandt heute mit Rot-Rot in Brandenburg ihre Freude hätte? Schließlich wollte sie, im Gegensatz zu Ihnen, schon 1999 dieses Bündnis und schied damals wegen der Koalition mit der CDU aus der Politik aus.

Manfred Stolpe: Ich vermute, sie hätte Rot-Rot unterstützt. Aber das ist Spekulation. Damals war ihre Tendenz ganz klar. Sie war der Meinung, wir sollten nicht mit der CDU zusammengehen. Dieser Akzent war noch stärker, als mit der PDS zu koalieren. Sie hatte Vorbehalte gegen diejenigen, die aus der DDR-CDU kamen, und unerfreuliche Erfahrungen gemacht.

Wie schwer war es für Sie persönlich, sich von Regine Hildebrandt politisch zu trennen?

Stolpe: Das hat mich schwer getroffen. Sie hatte damals mit aller ihr zur Verfügung stehenden Sprachgewalt versucht, mich davon abzubringen, die Koalition mit der CDU einzugehen.

Verbunden war Regine Hildebrandt stets mit ihren Themen. Sie war eine Art soziales Gewissen im Osten. Sind diese Themen ins Abseits geraten?

Stolpe: Das glaube ich nicht. Regine Hildebrandt war für Brandenburg und vielleicht für den ganzen Osten ein Geschenk. Sie hatte in der Umbruchsituation von der Plan- zur Marktwirtschaft frühzeitig erkannt, welche Herausforderungen und Brüche vor den Menschen stehen. Ihr waren Gerechtigkeit, Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung und Frauenfragen wichtig. Heute liegen die Schwerpunkte gelegentlich woanders. Aber gelöst sind die Probleme von damals noch nicht. Regine Hildebrandt würde heute mit großer Stimmgewalt und mit Nachdruck dabei sein. Sie würde sicher auch dafür kämpfen, dass jemand mit einer Ost-Biografie nicht benachteiligt wird.

Haben sich die Ansprüche von damals heute erfüllt?

Stolpe: Da haben wir noch einiges zu tun - mehr in der Befindlichkeit als in der Realität. Im Westen gibt es noch immer viel Unkenntnis über Zusammenhänge und Lebenswege im Osten. Und bei den Menschen im Osten gibt es teilweise immer noch Vorbehalte gegen die aus dem Westen, die angeblich nur belehren wollen oder alles besser wissen. Regine Hildebrandt hat immer gesamtdeutsch gedacht. Das hängt mit ihrer Biografie zusammen. Sie war das Kind, das an der Mauer wohnte - Schulbesuch im westlichen Berlin, Lebensmittelpunkt in Ostberlin. Sie hat immer darauf gedrängt, dass man sich gegenseitig respektiert. Ich habe aber auch erlebt, wie sie geschimpft hat, wenn bei uns Pauschalurteile gegen Westdeutsche aufkamen.

Regine Hildebrandts Politikstil war vom Runden Tisch geprägt und nicht von Parteizwängen. Ist dieser Politikertyp heute noch gefragt?

Stolpe: Den braucht die Gesellschaft. Es ist manchmal schwer zu ertragen, wie Menschen als Rädchen funktionieren. Es gibt zu viele, die politische Ämter nur als Mittel zur persönlichen Entfaltung ansehen. Leider begünstigt das System in Deutschland den Berufspolitiker. Quereinsteiger in die Politik sind dringend nötig. Die Leute im Land wollen Persönlichkeiten, die ihrem Denken nahe sind, die sie verstehen. Ich wünsche mir, dass der Politikertyp Regine Hildebrandt Nachwuchs bekommt.

Wie würde sie das heutige Politikerpersonal beurteilen?

Stolpe: Regine hatte ein großes Gespür für Echtheit. Ihr war das Parteibuch weniger wichtig, sondern ob einer mit dem Herzen dabei ist und zu dem steht, was er sagt.

Wann haben Sie Regine Hildebrandt kennengelernt?

Stolpe: Im Herbst 1989. Bischof Gottfried Forck und ich hatten ein Gespräch mit ihr. Es ging damals um Forderungen des DDR-Kirchenparlaments an die Partei- und Staatsführung, unter anderem um Mitbestimmung und freie Wahlen. Ich erlebte eine dynamische Frau, die nicht mit Forderungen für sich selbst kam. Wie die meisten wollte auch sie damals noch eine andere, bessere DDR.

Und als die Deutsche Einheit kam?

Stolpe: Da hat sie sich gefreut. Aber sie hat auch gewusst, dass riesige Probleme auf die Menschen zukommen. Das war ihre Kampfspur. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass die Massenarbeitslosigkeit durch Arbeitsfördermöglichkeiten abgefedert wurde. Da hat sie kein Blatt vor den Mund genommen. Ich erinnere mich, wie sie mich 1991 beim Empfang zur Einheitsfeier im Hamburger Rathaus an die Hand genommen und gesagt hat: "Jetzt gehen wir zu Kohl!" Sie war richtig unter Dampf.

Und wie hat Bundeskanzler Helmut Kohl reagiert?

Stolpe: Er reagierte ja lieber mit etwas ruhigerer Ansprache. Er hat zum damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm gesagt, dass man sich was einfallen lassen müsse. Es könne nicht sein, dass Hunderttausende keine Arbeit mehr haben. Anfangs herrschte in der Bundesregierung die Meinung vor, dass der Markt das schon richten werde.

Regine Hildebrandt und Sie galten in den 1990er Jahren als Sprachrohre des Ostens. Gab es auch Konkurrenz?

Stolpe: Nein, wir haben uns ergänzt. Wir wollten, dass die Leute aus der DDR im gemeinsamen Deutschland gleichwertig sind und dass sie sich nicht entschuldigen müssen, keinen Ausreiseantrag gestellt und nicht im Knast gesessen zu haben - dass sie ein normales Leben in einer Diktatur durchgestanden und etwas geleistet haben. Regine Hildebrandt sagte immer: "Macht euch nicht kleiner, als ihr seid!".

Vor dem Hintergrund von Stasi-Fällen in Polizei und Justiz wird in Brandenburg nun wieder über die Aufarbeitung von Vergangenheit diskutiert. Wie sehen Sie die Debatte damals und heute?

Stolpe: Wir hatten damals einen anderen Ansatz. Für Regine Hildebrandt und mich stand Rache nicht oben. Wer hier gelebt hat, wusste doch, dass die SED entschied, aber die Gehilfen saßen in den DDR-Blockparteien. Regine Hildebrandt ist immer für einen differenzierten und ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit eingetreten. Aber Brandenburg ist dann in so eine Sonderrolle hineingeschoben worden. Ich denke aber, dass uns die Geschichte recht geben wird.

Was für eine Sonderrolle?

Stolpe: Uns wurde vorgeworfen, dass wir das alles zu milde beurteilt hätten. Dabei wurde nach rechtsstaatlichen Prinzipien entschieden. Diejenigen, die jetzt Fälle an die Öffentlichkeit zerren, die längst entschieden sind, heizen nur die Vorurteile an. Um den inneren Zusammenhalt in Deutschland geht es dabei nicht.

Regine Hildebrandt hat ihre Krebserkrankung nie zu verstecken versucht. War sie Vorbild für Sie beim Kampf gegen die eigene schwere Krankheit?

Stolpe: Sie war unglaublich tapfer. Sie hat dienstliche Verpflichtungen und die Sorge um andere viel wichtiger genommen als die eigene Erkrankung. Aber Krebs ist kein Spiel. Ich rate jedem, zur Vorsorge zu gehen. Ich habe Regine Hildebrandt wegen ihrer Haltung bewundert. Auch als sie gewusst hat, dass es zu Ende geht, hat sie so gelebt, als ginge es immer weiter. Sie hat praktisch bis zum Schluss Termine übernommen. Am Tag, als sie starb, stand in ihrem Kalender: In Frankfurt (Oder) Stolpe vertreten.


Biologin und Politikerin

Regine Hildebrandt wurde am 26. April 1941 in Berlin geboren. Sie studierte Biologie und arbeitete im VEB Berlin-Chemie, später wechselte sie in die Diabetikerbetreuung. Während der Wende engagierte sie sich in der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt und trat im Herbst 1989 der SPD bei. Bei den ersten freien DDR-Wahlen errang Hildebrandt ein Mandat in der Volkskammer. In der Regierung de Maizière war sie Ministerin für Arbeit und Soziales. 1990 wurde Hildebrandt Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen im ersten Brandenburger Kabinett. 1996 erkrankte sie an Brustkrebs, dem sie am 26. November 2001 erlag. Zur Erinnerung an sie gibt es heute eine Gedenkveranstaltung in Potsdam.MAZ, 26. April 2011