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Woidke in einem MAZ-Gespräch

Die Ära Matthias Platzeck geht zu Ende. Am 28. August soll sein Nachfolger, der 51-jährige Dietmar Woidke, zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden. Mit dem derzeitigen Innenminister sprachen Volkmar Krause und Igor Göldner.

MAZ: Herr Woidke, vor einer Woche erklärte Sie Matthias Platzeck zu seinem Nachfolger als Ministerpräsident in Brandenburg. Haben Sie das schon realisiert?

Dietmar Woidke: Ja, aber erst so richtig seit Mittwoch. Bis dahin musste auch ich die Bekanntgabe des Rückzugs von Matthias Platzeck verarbeiten. Sie hat mich sehr getroffen. Auch wenn sie nachvollziehbar und richtig war – für ihn persönlich, für seine Familie und letztlich wohl auch für das Land.

Sie wurden schon länger als sein Nachfolger gehandelt. Trotzdem kam es überraschend?

Woidke: Wir haben in den vergangenen Wochen viel telefoniert. Ich hatte immer die Hoffnung, dass er trotz der gesundheitlichen Probleme weitermacht.

Dann hat beim Kapitänsdinner auf dem Kreuzfahrtschiff in Norwegen Ihr Handy geklingelt und der Urlaub war zu Ende?

Woidke: Nein, dort gab es glücklicherweise kein Kapitänsdinner mit Frackzwang. Es war eine Reise zum 70. Geburtstag meiner Schwiegermutter, die ich abbrechen musste. Darüber war die Familie natürlich zuerst ein bisschen traurig.

Sie werden künftig wohl noch viel weniger zu Hause in Forst sein.

Woidke: Davon ist auszugehen, obwohl ich auch jetzt schon sehr viel im Lande unterwegs bin. Meine Frau wird ihr Leben dennoch so normal wie möglich weiterleben und arbeiten und meine Tochter zur Schule gehen. Aber wir beide wissen, dass das noch einmal eine neue Herausforderung für die ganze Familie bedeutet.

Denken Sie daran, nach Potsdam umzuziehen?

Woidke: Nein, ich bin auf einem Bauernhof in der Nähe von Forst aufgewachsen und in der Lausitz verwurzelt. In Potsdam habe ich aber eine kleine Wohnung, um auch hier übernachten zu können.

Ein Ministerpräsident in Brandenburg sei im Durchschnitt elfeinhalb Jahre im Amt, sagte Platzeck und äußerte zugleich die Erwartung, dass er das auch von Ihnen erwartet. Ein gewaltiger Rucksack, den er Ihnen da umgeschnallt hat.

Woidke: Stimmt. Aber so weit voraus denke ich noch nicht. Jetzt geht es darum, in den 14 Monaten bis zur Landtagswahl im nächsten Jahr die erfolgreiche Koalition weiterzuführen. Dann werden die Küken gezählt. Ich will mit meiner SPD vorn liegen.

Wie bereiten Sie sich auf das Amt des Landesvaters vor?

Woidke: Das ist ein Prozess, der in einem tief drin abläuft. Auf der anderen Seite rede ich mit vielen, danke meinen bisherigen Mitarbeitern. Manchmal herrscht auch einfach emotionaler Ausnahmezustand. Nehmen Sie nur den gefühlt zehn Minuten dauernden Applaus für Matthias Platzeck am vorigen Montag, als er dem Landesvorstand und der Fraktion seinen Abschied verkündet hatte. Solche Emotionen, bei denen auch viele Tränen fließen, lassen einen nicht kalt.

Können Sie etwas von Platzeck lernen?

Woidke: Seinen Umgang mit den Menschen. Er hat da Maßstäbe gesetzt, was Offenheit und Ehrlichkeit betrifft, auch wenn es um schmerzhafte Entscheidungen geht. Dazu gehört, sich Konflikten zu stellen. Die Leute wollen keine Schönredner, die heute das Tollste versprechen und morgen alles anders machen. Und auch ich werde als Ministerpräsident weiter wie bisher vor Ort sein.

Gibt es neben Platzeck Politiker, die Sie bewundern?

Woidke: Helmut Schmidt. Ich schätze seine hanseatische Art. Helmut Schmidt war übrigens der Grund, warum ich 1993 in die SPD eingetreten bin. Ich habe ihn schon zu DDR-Zeiten bewundert, erinnere mich heute noch an den Rücktritt 1982. Ich war gerade als angehender Student bei der Apfelernte in Phöben, als die Nachricht im Westradio lief. Den dann folgenden Regierungswechsel habe ich übrigens Helmut Kohl bis heute nicht verziehen ... (lacht)

Sind Sie Helmut Schmidt schon einmal begegnet?

Woidke: Nein, persönlich noch nicht. Aber ich hoffe, das kann ja noch kommen.

Platzeck hat Sie als bodenständig und verlässlich bezeichnet. Haben Sie auch Schwächen?

Woidke: Ich bin vielleicht manchmal zu ungeduldig. Da muss ich noch an mir arbeiten. Auf jeden Fall bin ich ausdauernd, nicht nur beim Joggen.

Wie oft laufen Sie?

Woidke: Regelmäßig. In der Woche renne ich kürzere Distanzen, am Wochenende auch mal mehr als zehn Kilometer. Da wird der Kopf frei, ich höre Musik und kann nachdenken. Meine Frau hat jetzt aber verboten, den Dackel auf die länger werdenden Strecken mitzunehmen.

Sie waren keiner, der mit wehenden Fahnen 2009 die Linke ins Regierungsboot holte. Wie geht es jetzt weiter mit der rot-roten Koalition unter Ihrer Führung?

Woidke: Wir haben eine stabile Koalition. Und noch mal: Die wird ordentlich weiterarbeiten. Was sie bislang erreicht hat, hätte zu Beginn kaum einer in der SPD für möglich gehalten. Auch ich war skeptisch. Heute haben wir großes gegenseitiges Vertrauen. Die Belastungen in der Startphase haben Rot-Rot schneller zusammengeschmiedet, als viele für möglich gehalten hatten und manche wohl auch hofften.

Die oppositionelle CDU hegt nach dem Rückzug von Platzeck die Hoffnung, 2014 wieder mitregieren zu können. Nehmen Sie diese Avancen wahr?

Woidke: Natürlich. Die kann ja jeder lesen. Aber ein Punkt unter vielen, warum wir 2009 die Koalition mit der CDU nicht fortgesetzt haben, war die fehlende Berechenbarkeit. Und wie stabil die CDU nach Frau Dr. Ludwig tatsächlich ist, wird man in einem oder vielleicht erst in zwei Jahren sehen. Es gab viele Eruptionen in der Partei. Noch ist unklar, wohin sie sich entwickelt.

Eine Ihrer größten Baustellen als künftiger Regierungschef wird der noch immer nicht fertige Berlin-Brandenburger Flughafen sein. Sie wollen anders als Platzeck nicht in den Aufsichtsrat. Können Sie wirklich so tun, als wäre es nicht auch Ihr Flughafen?

Woidke: Es ist ganz klar unser Flughafen. Das ist mir voll bewusst. Er muss möglichst schnell und mit den nötigen Voraussetzungen an den Start gebracht werden.

Gehen Sie nicht in den Aufsichtsrat, weil der Spagat zwischen Flughafen-Interessen auf der einen und Lärmschutz-Interessen der Anwohner auf der anderen Seite für Sie zu groß wird?

Woidke: Ja, das ist möglicherweise auch ein Spagat. Aber ein beherrschbarer. Ich werde Arbeitsplätze und Anwohner nicht gegeneinander ausspielen. Wichtiger für meine Entscheidung aber ist: Ich war mit dem Flughafen bisher wenig befasst. Ich glaube, für dieses wichtigste Infrastrukturprojekt der Region in dieser jetzt entscheidenden Phase der Festlegung der Eröffnungsmodalitäten wäre die Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes ein falsches Signal. Übernahme braucht Einarbeitung. Die verzögert.

Wer sollte Platzeck als Aufsichtsratschef des Flughafens folgen ‒ ein Politiker oder besser ein Flughafen-Experte?

Woidke: Am liebsten wäre mir ein politischer Fachmann. Wir reden intensiv mit den Mitgesellschaftern Berlin und Bund. Eine Entscheidung steht aber auch unter dem Einfluss der Bundestagswahl am 22. September. Aber eines ist allen klar: Nichts darf die Eröffnung zusätzlich verzögern.

Quelle: www.MAZ-online.de, 05.08.2013