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Matthias Platzeck im Gespräch mit der SUPERillu: "Ich bin erleichtert und wehmütig…"

Schwere Entscheidung - doch die Gesundheit geht vor. Am 28. August gibt Matthias Platzeck seine politischen Ämter auf. Hier spricht er über die Hintergründe
Ihre Rücktrittsankündigung liegt einige Tage zurück. Und schon jetzt wirken Sie gelöster, fröhlicher...
Das alles so gekommen ist, damit hadere ich schon noch. Aber als die Entscheidung gefallen war, war ich auch erleichtert. Hinzu kommt: Über viele Jahre mussten meine Frau und die Familie zurückstehen. Jetzt habe  ich auch mal auf die Familie gehört…

Wessen Rat war ausschlaggebend, der Ihrer Frau?
Die Summe. Aber die Debatte mit Jeanette war schon sehr intensiv. Sie hat mir die Fakten deutlich gemacht. Immer wieder. Ich bin innerlich doch eher nüchtern. Wenn es so ist, dann ist es eben so, der liebe Gott entscheidet das sowieso. Meine Frau war aber sehr unruhig und in großer Sorge.

Wie beurteilt Ihre Frau jetzt Ihre Entscheidung?
Na, als absolut richtig! Sie hat mich zu keinem Zeitpunkt zum Aufhören gedrängt. In all den Jahren in der Politik hat sie mich immer ganz wunderbar unterstützt. Meine Frau hätte auch mit einer anderen Entscheidung leben können. Aber jetzt ist Jeanette deutlich beruhigter. Sie freut sich, dass ich bald mehr Zeit für Sie und die Familie habe.

Wie sehen Sie rückblickend den Schlaganfall?
Ein paar der Erfahrungen der letzten Wochen hätte ich mir schon gerne erspart. Wenn man in der Frühe aufwacht - und plötzlich geht`s nicht mehr so richtig. Das ist schon ein Einschnitt. Allerdings hat mir das auch die Augen geöffnet. Der Schlaganfall war ein Signal - und vielleicht kam es noch rechtzeitig.

Hatten Sie Angst - Todesangst?
Nö! Weil ich gar nicht wusste, was mit mir los war. Tat ja auch nicht weh - anders als bei einem Beinbruch. Ich bin zwar gottesfürchtig, aber der Gedanke an mein Ende  kam mir nicht. Der Gedanke „was wird aus Frau und Familie, wenn es so bleibt, wenn es nicht mehr besser wird?“, der kommt einem schon.  Aber es ist ja alles gut gegangen. Und weil nach relativ kurzer Zeit das meiste wiederkam - Seh- und Gehfähigkeit - will ich jetzt auch gar nicht meckern.

Wie geht es Ihnen heute? Gibt es noch Einschränkungen nach dem Schlaganfall?
Koordination und Gleichgewichtssinn habe ich viel trainiert. Auch das geradeaus laufen klappt. Aber erst in zwei, drei Monaten wird alles wieder so wie vorher sein. Jetzt haben mir die Medizinmänner große Hoffnung gemacht, dass alles gut wird (lächelt).

Letztlich war der ärztliche Rat ausschlaggebend...
Mein Arzt sagt: 40 bis 50 statt 80 Stunden in der Woche - sonst gibt es ein großes Restrisiko für einen zweiten, dann vielleicht schwereren Schlaganfall. Die Arbeit  war dafür die einzige Stellgröße: Pensum reduzieren, einen Rhythmus in das Leben bringen, damit der Körper runterfahren kann und ein paar  Ruhephasen hat.

Was war der Auslöser?
Nichts Konkretes. Das hat sich über lange Zeit aufgebaut. Seit vielen Jahrzehnten lebe ich mit Bluthochdruck - eine erbliche Vorbelastung. Mein Vater hatte auch drei Schlaganfälle - am dritten ist er 1999 gestorben. Ich bin nicht dick, rauche nicht, treibe viel Sport. Aber jeder Motor, der  24 Jahre, 7 Tage die Woche unter Vollgas fährt, fängt halt an zu stottern.

Normalerweise sind es die Frauen, die eher als die Männer auf die Gesundheit und die Ernährung auch des Partners achten...
Ich bin der Koch zuhause! (grinst) Wir sind beide lebensfroh. Aber im Vergleich zu anderen ist die Lebensführung bei uns schon eine gesunde – bis auf die Termindichte…

Ist Politik gesundheitsschädlich?
Hätte ich zweieinhalb Jahrzehnte am Hochofen stehen müssen, wäre ich vielleicht  schon tot. Klar, ein Regierungsamt verlangt vollen Einsatz, sonst kriegst Du die Sachen nicht geregelt, wirst ein schlechter Minister und irgendwann rausgeworfen. Also muss man dem Druck standhalten. Das habe ich länger als viele Andere getan.

Oder haben Sie doch Warnsignale überhört, weil die Politik vorging?
Ach, was heißt überhört? Ich laufe nicht gerne zum Arzt. Ich habe gemacht, was ich gemacht habe. Vielleicht war da etwas. So etwas kommt selten urplötzlich. Das baut sich über Jahre auf. 2006 (Hörsturz, d. Red.) war es schon ein bisschen doller. Aber es ist normaler Verschleiß. Und nicht zu vergessen: Das 60. ist ja auch nicht mehr das 40. Lebensjahr.

Sie waren NVA-Soldat in der Radareinheit 1972 bis 1974. Die Strahlenbelastung war hoch. Ein Grund für Ihre gesundheitlichen Probleme?
Nein. Außer, dass ich vielleicht deshalb drei wunderbar geratene Töchter habe (lacht). Ein Strahlenschaden soll angeblich  dazu führen, dass Radarsoldaten signifikant viele Töchter zeugen…

Die SPD steht im Bundestagswahlkampf. Schadet der Rücktritt einer Ost-Identifikationsfigur Platzeck der SPD?
Ich bin im Wahlkampf dabei, unterstütze die Brandenburgischen Kandidaten bei ihren Veranstaltungen. Aber ich hätte nicht so weiter machen können, auch nicht wegen eines Wahltermins. Hier geht es auch um Ehrlichkeit. Vertrauen muss man über Jahre aufbauen. Dieses Vertrauen der Menschen wollte ich nicht durch ein „Ich tue jetzt mal so“, aufs Spiel setzen. Und nicht nur bei meinen Parteifreunden und dem Koalitionspartner habe ich viel mehr Verständnis erlebt, als ich erwartet hatte.

Wie fühlt sich der Ausstieg an, fällt der Abschied schwer?
Eindeutig ja. Es gibt jetzt viele „letzte Male“. Bei aller Erleichterung ist da auch Wehmut. Denn ich war immer mit Lust und Leidenschaft dabei, seit ich mir vor bald 24 Jahren, am 10. September 1989 in Ungarn, vorgenommen habe, mich nun richtig einzumischen. Wer wie ich in fünf Landesregierungen in Brandenburg war, macht sich mit Entscheidungen ja nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Wenn es dann am Ende in der Summe doch überwiegend freundschaftlich läuft, kann ich nicht alles falsch gemacht haben (lächelt).

Sie sind auch Preuße. Ist da auch ein Gefühl des Scheiterns, wenn man den Rückzug antreten muss, weil die Gesundheit es verlangt?
Wenn mir das nach kürzerer Zeit, nach fünf oder zehn Jahren in der Politik, passiert wäre, vielleicht. Aber nach so langer Zeit fühlt es sich nicht nach Scheitern an. Manche nennen mich zartbesaitet - mag ja auch sein. Aber ich möchte auch nie so extrem dickhäutig sein, dass man nichts mehr merkt. Den Zeitpunkt für den Rücktritt kann man sich in den seltensten Fällen selbst aussuchen. Und so ist es mir allemal lieber, als wenn mich die Leute eines Tages vom Hof jagen...

Was fängt Matthias Platzeck jetzt mit dem Rest seines Lebens an?
Ganz ehrlich: Ich hatte noch keine Zeit, darüber nachzudenken. Noch arbeite ich daran, und das ist zurzeit noch sehr aufwändig, dass wir den Übergang im Land zu meinem Nachfolger Dietmar Woidke gut hinkriegen. Der 28. August ist sicher eine Zäsur. Wie es danach konkret weitergeht, habe ich für mich noch nicht abschließend entscheiden können. Dafür waren die letzten Tage einfach zu dicht. Dafür nehme ich mir bis zum Jahresende Zeit.

Gibt es schon Jobangebote?
Ja, erste Briefe sind schon eingetroffen (grinst). Aber ich will ja Landtagsabgeordneter für die  Uckermark bleiben – nicht aus Gründen des Anstands sondern  aus Überzeugung.

Können Sie jetzt so einfach abschalten? Wird es auch ohne die „Droge“ Politik in Ihrem Leben gehen?
(lacht) Das werde ich trainieren. Sicher wird die Entwöhnung noch ein wenig dauern. Aber um das „danach“ mache ich mir wenig Sorgen. Mein Leben spielte sich ja auch zuletzt nicht nur in der Politik ab. Ich habe mir immer mein privates Umfeld bewahrt, wohne noch im selben Haus und habe in diesem Haus dieselben Nachbarn wie zu DDR-Zeiten. Auch Freundeskreis und Stammkneipe sind geblieben. So was hilft,  Bodenhaftung zu behalten.

Übergänge gelingen ja selten geräuschlos. Hält Rot-Rot unter Woidke - auch über den Wahltag 2014 hinaus...
Wir haben im Koalitionsausschuss alle offenen Fragen besprochen, da wird kein Misston entstehen. Die Koalition steht und hält bis zur nächsten Wahl. Dann entscheidet der Wähler. Und seit 1990 gilt für die märkische SPD eine eiserne Regel: Ohne Koalitionsaussage in den Wahlkampf gehen und  nach der Wahl gucken, was passt - Personen und Parteien. Auch unter der Maßgabe, ob zuvor eine gute Zusammenarbeit stattgefunden hat. Und immer zum Wohle Brandenburgs.

Wenn eine Fee gekommen wäre, und gesagt hätte, Du hast einen Wunsch frei - völlig unabhängig von der politischen Umsetzbarkeit und den Möglichkeiten, ein Projekt anzustoßen, etwas umzusetzen. Wie würde er lauten? Was wäre das?
(lächelt) Da muss ich nicht lange überlegen: Dass bald ein Flugzeug abhebt am BER. Das fände ich schon schön. Und das hätte ich gerne noch als Ministerpräsident zu Ende gebracht.

Das größte Infrastrukturprojekt Ostdeutschlands, der immer noch nicht eröffnete Hauptstadtflughafen BER, verhagelt Ihnen die Erfolgsbilanz...
Sicher hätte ich den Flughafen gerne noch in meiner Amtszeit mit eröffnet, keine Frage. Aber bei Amtsantritt 2002 hatten wir uns einiges vorgenommen: die Arbeitslosigkeit in den einstelligen Bereich zu bringen, keine neuen Schulden mehr aufzunehmen, dass es wieder junge Menschen gibt, die zurückkommen, und dass wir ein modernes, selbstbewusstes Land werden mit ebensolchen Menschen, in dem Gemeinsinn kein Fremdwort ist. Klang vor elf Jahren utopisch, ist aber fast alles geglückt. Nur dieser Flughafen...

BER, die Übernahme des Aufsichtsratchefpostens anstelle Klaus Wowereits im Januar diesen Jahres, da hat sich Matthias Platzeck mit einem dritten Amt in die Pflicht nehmen lassen. Hand aufs Herz, hatte diese Aufgabe nicht ein hohes Stresspotenzial?
Falsche Theorie. Auch wenn es sicher schönere Aufgaben gibt (lächelt). Da könnte man auch sagen, die Elbeflut, wegen der ich wochenlang rund um die Uhr im Einsatz war, ist schuld. Außerdem war ich so gar nicht unzufrieden, dass wir beim BER endlich Fahrt reinbekommen haben. Da sehen wir jetzt schon viel klarer.

Wer soll Ihnen nachfolgen? Ist ein Experte nicht besser geeignet, den Chef-Posten zu übernehmen?
Es brennt im Moment nichts an. Die nächste Aufsichtsratssitzung am 16. August findet noch unter meinem Vorsitz statt. Und wir haben in jedem Fall bis Ende Oktober Zeit, eine tragfähige Lösung für die Nachfolge zu finden. Hinzu kommt: wir haben eine komplett neu Geschäftsführung, die den BER so schnell wie möglich erfolgreich ans Netz bringen wird.